ins Auge blicken

Wer das leugnet, wird der Realität bald ins Auge blicken müssen!

Fremdenfeind-Idiot über Zuwanderung. Twitter. Internet. Überall.

Dazu fällt mir wieder eine Begebenheit ein, die sich Weihnachten zutrug und die ich aus Gründen (und Vergesslichkeit) hier bisher nicht im Zettelkasten festgehalten habe. Das hole ich hiermit nach.

Über die Feiertage ging es zu den Elterneinheiten in die beschauliche Heimatstadt Eisenach. Da sich Bequemlichkeit durch die Familie zieht, haben wir uns am 24. Dezember vormittags auf den Weg in die Stadt gemacht, um eine vorbereitete Feiertags-Ente entgegenzunehmen. Als wir etwas außerhalb der Innenstadt einen Parkplatz gefunden hatten, wanderten mein Vater und ich zum entsprechenden Automaten, um ein Ticket zu ziehen. Zwischenzeitlich hatte ein junger Mann meine Mutter angesprochen und ihr einen Zettel gereicht.

Da er weder Deutsch noch Englisch sprach, gestaltete sich die Kommunikation schwierig, aber dem Zettel und allerlei Handzeichen war zu entnehmen, dass er eine ärtzliche Überweisung/Bescheinigung vom Amt für einen Arztbesuch dabei hatte und einen Augenarzt benötigte. Am 24. Dezember ist das natürlich perfektes Timing gewesen und ich weiß nicht, ob man ihm den Wisch einfach zeitnah in die Hand gedrückt und ihn damit losgeschickt hat oder er aus Unwissenheit erst am 24. losgezogen ist. Wie auch immer: Was nun?

Meine Mutter kam darauf, dass es ein paar Straßenzüge weiter einen Augenarzt mit Praxis gibt und man ihn vielleicht dorthin schicken wollte? Nur wie erklärt man das mit Hand und Fuß? Da wir so nicht weiterkamen und der junge Mann in der Kälte ein zitterndes Bild von sich gab, meinte ich eben kurzerhand zu meinen Eltern, sie sollen schon vorgehen. Ich deutete dem Jungen an, er solle mir folgen und dann ging es los.

Der Weg zur Praxis war zwangsläufig etwas ruhiger, aber wenigstens konnte ich mittels Hand-Fuß-Mimik-Kommunikation herausfinden, dass er Hassah hieß und aus Syrien kam.

Bei der Ankunft an der Praxis stellte sich heraus, dass diese – natürlich – geschlossen war. Zum Glück befand sich unten im Haus eine Apotheke, welche auch noch geöffnet hatte. Also flugs Hassah geschnappt, rein, Situation kurz erklärt und gefragt, was man nun machen könnte. Die anwesenden Damen kannten obigen Arzt und hatten sogar eine Handynummer für mich parat und die Info, dass betreffender Arzt des Arabischen mächtig ist.

Nach meiner inständigsten Bedankung rief ich draußen vor der Apotheke also besagten Arzt an, erklärte auch ihm kurz den Sachverhalt und überreichte das Handy an Hassah. So schnell und so plötzlich habe ich noch keine Augen vor Freude überquellen sehen, als er erst zögerlich das Handy zum Ohr führte und endlich, endlich, endlich! etwas hörte, das er verstand.

Die beiden redeten einige Minuten miteinander und nun stand ich als unverständiger Fremder da, hehe. Am Ende gab mir Hassah das Handy zurück und lächelte trotz der Kälte nur unbändig. Ich versuchte nachzufragen, ob nun alles geklärt sei und er gab mir ein glückliches Ja zu verstehen.

Dem Arzt schien in der Zwischenzeit aufgefallen zu sein, dass ich nun ja im Gegenzug nicht wirklich wissen konnte, was besprochen wurde und siehe da, kurze Zeit später rief er zurück. Er fragte, ob ich der Betreuer sei, woraufhin ich ihm den Hergang schilderte. Er bedankte sich bei mir und beruhigte mich, dass er mit Hassah vereinbart hat, dieser solle kurz warten und er wäre in maximal 10 Minuten in der Praxis.

Nun war ich tatsächlich beruhigt und Hassah und ich verabschiedeten uns voneinander.

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Um auf den Ausgangspunkt zurück zu kommen:

Liebe total-überbesorgte-Bürger/Fremden- nein, Menschenfeinde, kurz: liebe Idioten- Ich leugne eure wirre, irrationale Furcht und lehne eure Hass-Schürerei ab. Ich hab einer Realität ins Auge geblickt und sie war dankbar für jede Hilfe. Wie ich es auch wäre.
Wie wir alle es wären.

Das ist gar nicht schlimm, anderen Leuten ins Auge zu blicken.
Es ist menschlich.
Es gibt weitaus mehr Dinge, die uns Menschen verbinden, als Dinge, die uns trennen.

Aber vor dem ins Auge blicken warnen, macht schon Sinn für euch. Weil sich dann eventuell so etwas ähnliches wie Empathie in euch regen könnte. Und damit lässt sich unschöner hetzen.

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