anstämmig

These things they go away

Nur für mich und jetzt ist jene Zeit mein.
Eine Zeit in der noch nicht Business- und irgendwelche sonstigen Kasper hinzustießen, Worte wie social media oder gar Web 2.0 hörten, in den eigenen Mund nahmen, merkbefreit von allen Dächern pfiffen und dabei meinten, sie hätten derartig nachplappernd die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Als sei die Grundidee des Web zuvor alles andere gewesen, bloß nicht die der Informationsweitergabe und Kommunikation.
Wir hatten zwar HTTP, TCP/IP, HTML und die eine oder andere Skriptsprache, aber so wirklich sozial war das doch nicht!
Dabei unterschied sich ohne Facebook, Google+, LinkedIn, Twitter und Co. die Möglichkeit zum Verbinden höchstens in der Quantität, im Kleinteiligen und nicht in der Möglichkeit. So wie der Brief vom Telefon, das Telefon vom Internet und das frühe Internet von seiner späteren Fortentwicklung.

Vor all den Informationsfängern gab es für mich jedenfalls schon eine Profilseite.

Das Forum war der erste Punkt im Netz und lange, viel länger als die übliche Halbwertszeit solcher Dinge, ein Anker. Nach fast 12 Jahren ist es nun nicht mehr. Wobei, im Digitalen ist das ja so eine Sache: Es ist lediglich nicht mehr so, wie es für alle Beteiligten einmal war. Irgendwo existiert es in vollständiger Form.

Das eigentlich Paradoxon an diesen fast 12 Jahren ist ja: Genaugenommen existierte zu keinem Zeitpunkt wirklich etwas auf althergebrachtem Wege. Und trotzdem sind diese Bits und Bytes, im Grunde dieses nichts, ein Teil meiner Jugend, eine Haltestelle und ein Umschlagpunkt meines vermeintlichen Erwachsenwerdens.

Die kleinste Informationseinheit digitaler Informationen kennt nur zwei Zustände, 1 und 0 - wahr oder falsch.
Wenn ein Mensch beteiligt ist und das über Jahre, dann stehen die Chancen gut, dass sich abseits der Technik ein paradoxer weiterer Zustand hinzugesellt: 1, 0 und ∞ - wahr, falsch und Erinnerungen. Es ist nichts und doch so vieles und dann doch nur wieder begrenztes Wiederspiel.

Vor 8 Jahren las ich, anscheinend schon ganz der potentielle selbstreferentielle Schreiberling, 2 Jahre alte Einträge und schüttelte mit innerlichem Schreikrampf den Kopf. Garantierte mir geradezu selbst: So würde ich heute nicht mehr schreiben oder reagieren.

Vor 7 Jahren las ich alte Einträge aus dem vorherigen Jahr und schüttelte mit innerlichem Schreikrampf den Kopf. Versicherte mir selbst: Also so würde ich heute nicht mehr schreiben oder reagieren.

Vor 5 Jahren las ich 2 Jahre alte Einträge, schüttelte den Kopf und dachte: Also so, so würde ich heute nicht mehr…

Vor 3 Jahren stöberte ich in alten Einträgen, schüttelte innerlich den Kopf und schmunzelte über mein Selbst.

Inzwischen weiß ich: Vielleicht sitze ich in ein, zwei Jahren dort und lese das hier. Vielleicht kann ich über mich, diesen Text dann schmunzeln, vielleicht schreie ich nicht nur innerlich während des Lesens. Wer weiß das schon. Doch eins weiß ich heute wie in Zukunft: Ein Forum ist der Inbegriff von Kommunikation und sozialer Interaktion, gleich welcher physischen Beschaffenheit. Und wie wundervoll sind wir, diese kleinen Menschlein, dass es unserem Selbst letztlich vollkommen egal ist, wodurch oder wie unsere Erfahrungen entstanden sind.

Aus Erfahrungen werden Erinnerungen. Daher erscheint es nun folgerichtig, dass das Forum im nichts half, gute, schlechte, bedeutende, peinliche und unbedeutende Erinnerungen zu formen, um nun in seiner gegenstandslosen Form den Weg aller Körperlichkeit zu gehen. Die Erinnerungen bleiben, die Dankbarkeit für das Verbinden mit der besserbesten Hälfte ohnehin. Alles andere - das sind nur Äußerlichkeiten.

replaced by everyday

gedruckt am 07.09.11 @ 08:00 Schlagworte Außendinge
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