Liberal-literarische Auslegungen. Gestatten Sie, Döpfner.

Mathias Döpfner, seines Zeichens Chef bei Axel Springer, meint in Reaktion auf einen Artikel zum Leistungsschutzrecht der NZZ in selbiger: „Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum„. Das ist im Grunde rhetorisch hübsch verdreht, aber manch einem mag das vielleicht auch einleuchtend erscheinen. Grell leuchtend schienen mir dagegen die literarischen Nebelkerzen, die der Autor seinem Text suggerierend-belesen voranstellt.

Ich liebe die Schweiz. Am meisten schätze ich ihr leidenschaftliches Verhältnis zur Freiheit. «Doch wir, der alten Schweizer echter Stamm, wir haben stets die Freiheit uns bewahrt», heisst es bei Friedrich Schiller, der Wilhelm Tell ausrufen lässt: «Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.» Freiheit ist so kostbar, aber auch so gefährlich wie das Leben.

Unerwähnt bleibt freilich, dass das erste Zitat aus Schillers Wilhelm Tell noch mit den Worten schließt: „Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie,
Freiwillig wählten wir den Schirm der Kaiser.“ (Allein den ersten Teilsatz verwendet Döpfner später, um der NZZ berechnend die Frage zu stellen, ob diese „nun ihr Knie vor Teilen der Netzgemeinde“ und deren Kostenlos-Mentalität beuge.) Des Kaisers Schirm (Verleger, Verleger, Verleger!) war anscheinend für die rhetorische Pseudo-Stringenz der döpfnerischen Ausführungen nicht griffig genug. Desweiteren lässt Schiller nicht Wilhelm Tell den von Döpfner zitierten Spruch ausrufen, sondern den Pfarrer Rösselmann und dieser endet wiederum: „Wir wollen trauen auf den höchsten Gott. Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“

Döpfner bietet nach dem Schillerschen Exkurs noch eine Stelle aus Dürrenmatts „Die Physiker“ auf:

«Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.»

Das Internet lebt von diesem Sprengstoff. Es ist eine grosse Chance für die Freiheit und eine Bedrohung.

Paraphrasiert also: Das Internet lebt von Gedanken [Sprengstoff]. Es ist eine große Chance für die Freiheit und eine Bedrohung…? Herr Döpfner geht im restlichen Absatz nicht weiter auf die erwähnte Bedrohung ein. Warum auch. Für Möbius sind (seine) Gedanken und Erkenntnisse in der „Freiheit“ u.a. gerade deshalb Sprengstoff, weil sie sofort von den Mächtigen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden. Aber Vereinnahmung ist ein häßliches Wort im richtigen Kontext.

Fast könnte man meinen, Döpfner habe sich 2 Werke und Stellen herausgesucht, welche einfach irgendwo irgendwie peripher-liberalen Geist verströmen und/oder den Begriff Freiheit beinhalten. Ein bisschen arg kontextlos.

Die Auswahl.
Natürlich meine ich die Auswahl.

2 Stimmen

# Daniel Schultz

Vielleicht hat er ja bei Google Books nach Freiheit gesucht 😀

# fym

+ Schweiz 😉

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