Kurt Tucholsky. Panter, Tiger und Co.

Die Katholiken sitzen vor ihrer Hütte. Ein Heide geht vorbei und pfeift sich eins. Die Katholiken tuscheln: „Der wird sich schön wundern, wenn er mal stirbt!“ Sie klopfen sich auf den Bauch ihrer Frömmigkeit, denn sie haben einen Fahrschein, der Heide aber hat keinen, und er weiß es nicht einmal. Wie hochmütig kann Demut sein!

Kurt Tucholsky. So verschieden ist es im menschlichen Leben. 1931

Eine gelungene Auswahl von Essays, Glossen und Gedichten Tucholskys. Viele davon passenderweise jene, in denen sich Tucholsky vehement gegen Pathos, gegen das Pathos seiner Zeit, das Militär, den wilhelminischen Geist in breiten Schichten der Bevölkerung, die Gerichtsbarkeit und gegen die abdriftende Menschlichkeit aussprach und für den Pazifismus eintrat. Er warnte, er zeichnete Entwicklungen voraus, die Jahre später eintreten sollte. Tucholsky, der – um es mit Kästner auszudrücken – „kleine dicke Berliner“, der „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“ wollte.

Tucholskys Bücher landeten 1933 im Feuer.

So geht das . . .

Und auch hier in Enghien hängen an vielen Häusern Tafeln […] Sie sind bunt, auf weißem Glasgrund sieht man ein paar Verzierungsblümchen und einen Text. Da steht:

La ville d’Enghien

Was ist das —?
Das ist eine Erinnerung, ein Mahnzeichen, ein kleines Pflasterchen für die Frau und die Kinder, die der zurückgelassen hat. […] Die Tafeln sind eine Sitte wie jede andre auch, ein ehrendes Gedenkzeichen für die Toten. Aber die Tafeln lügen. Es muß nicht heißen: ‚tué pour la patrie‘ – es muß heißen: ‚tué par la patrie‘. Getötet durch diesen niedrigen Begriff ‚Staat‘, getötet durch diesen Wahnsinn, der die Heimat, die jeder liebt, mit einem Nützlichkeitsbegriff verwechselt, der den meisten nicht einmal von Vorteil ist, sondern nur den wenigen. Stirbt man für eine Weizenagentur? Für eine Hypothekenbank? Man stirbt für und durch das Vaterland, und das kommt im wesentlichen auf dasselbe hinaus.
Tafeln, wie lange noch —? Wie lange noch lassen sich erwachsene Menschen einreden, daß eine sinnlose und anarchische Organisation zwischen den Staaten ein Recht hat, das Leben zu nehmen? Wie lange noch lassen sich Mütter die Söhne, Frauen die Geliebten, Kinder den Vater abschießen für eine Sache, die nicht die Kosten für den Mobilmachungsbefehl wert ist? Wie lange noch wird Mord sanktioniert, wenn der Mörder sich nur vorher eine Berufskleidung anzieht, seine Kanonen grau anstreicht, seine Gasbomben von der Kirche einsegnen läßt und sich überhaupt gebärdet wie der Statist einer Wagner-Oper?
Uns fehlen andre Tafeln. Uns fehlt diese eine:

Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat,

Ignaz Wrobel. Weltbühne, 1925

Es gibt in dieser Sammlung einen bemerkenswerten Text, dessen verhältnismäßig wenige Zeilen mir so nahe gehen; welcher so eindringlich alles Abstoßende am Krieg aufzeigt, wie es kaum ein anderer bisher geschafft hat — Vor Verdun.

Die wiederholte Lektüre bekannter und unbekannter Texte hat in mir wieder einmal die Verwunderung darüber aufflammen lassen, warum Tucholsky im Schulkanon vergleichsweise stiefmütterlich behandelt wird. Warum? Nicht, dass es immernoch die gängige Regel sein würde, aber: Anstatt hin und wieder den Klassenprimus im vermeintlichen Antikriegs-Genre, Remarques Westen, lesen zu lassen, wäre es nicht ungemein effektiver, die Schüler wenigstens Bekanntschaft mit einigen Texten Tucholskys schließen zu lassen?

Ich hatte das Glück. Und diese Bekanntschaft ist in all den Jahren zu etwas Größerem geworden.

Sonntag, 16 August 2009

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