nichts im Redeschwall (II)

Palin und Biden im verbalen Präsentationswettbewerb. Da ich schon Obama und McCain mit total unrelevanten Kommentaren bedacht habe, soll den Vizeanwärtern gleiches Recht zuteil werden. Am Ende soll ja keiner sagen, ich würde gegen Vizes diskriminieren. Dann also erneut, (k)ein Abriß:

  • „In wenigen Minuten wird es losgehen“ ist zu hören, während das statische Bild vom Saal der Washington University erscheint. Sympathischer Minimalismus– verdammt, Portraits von Biden und Palin, um die Wartezeit zu überbrücken. Der Minimalist in mir ist enttäuscht, liebes ZDF.
  • Nach den kurzen Portraiteinspielern wieder zurück zum Minimalismus. Sehr schön, allerdings kann ich die Labertasche und sein „So. Und gleich geht’s hier los“ nicht mehr hören. Zum Glück geht es dann wirklich los.
  • Die ersten Minuten verpasse ich, denn obwohl als Ausstrahlung mit Zweikanalton deklariert, will der zweite Kanal nicht. Auf beiden Kanälen ist die Synchronquasselstimme zu hören. Verdammt, Mediathek muss reichen.
  • Beim Thema Finanzkrise (gibt es dort momentan großartig andere bestimmende Themen?) geselle ich mich hinzu.
  • Biden grinst, Palin ringt sich ein Lächeln ab. Scheinen sich alle zu freuen.
  • Biden tänzelt, während Palin spricht, von einen Fuß auf den anderen. Ruhig, gemach– kommst doch dran.
  • Während Jim Lehrer die Debatte McCain-Obama ziemlich lasch geleitet hat (und er mir bisweilen mit seinen „Schaut euch direkt an. Los, sprecht miteinander!“-Sprüchen etwas creepy erschien), scheint Gwen Ifill strenger und verstärkt by the book zu sein. No pun intended.
  • Palin steigt gleich mit diversen darns, hecks und sonstigen „folksy“ Formulierungen ein. Sie ist ja so wie ich und du, klar.
  • Entweder war das Desaster mit (u.a.) dem Couric-Interview geplant, um die Erwartungen zu senken oder man muss dem Coaching-Team der Reps für diese Debatte unumwunden Respekt zollen. Vielleicht auch beides zugleich. Palin wirkt jedenfalls selbstsicher und erfüllt nicht Erwartungen diverser verbaler Aussetzer.
  • Das übliche Spielchen: Biden beißt sich in die von McCain und Palin vielbeschworene Forderung nach einer Deregulierung des Marktes, während Palin moniert, Obama wolle ja nur die Steuern für das gemeine Volk anheben und meint, er habe es sogar schon mit seinen Votes getan. Sie beschwört die Heiligkeit des privaten Sektors und Steuersenkungen. Biden nennt die Behauptungen — im diplomatischen Code — bullshit.
  • Palin biedert sich erneut an: „Talking straight to the american people.“ Sie ist ja Durchschnitt. Biden hält im weiteren Verlauf den gemeinen Zuschauer für ebenso dumm und versucht sich ebenso am „Du und Ich“.
  • Ifill unterbindet leeren Schlagabtausch wie bei der Lehrer-Debatte und setzt verbal einen Schnitt. Nächstes Thema, los.
  • Biden wird zur geplante Steuererhöhung für Einkommen über 250.000 Dollar pro Jahr befragt. Man wolle den Mittelstand stärken, talking points lauten „fairness“ und „Umverteilung von Reichtum“. Palin hat damit ein Problem, fielen laut ihr doch viele „kleinere“ Unternehmen auch darunter und würden Schaden davon tragen. Nach ihrer Meinung, sollte man den Privatsektor durch Steuererleichterungen erblühen lassen, das würde dem Mittelstand (zu dem sie doch auch gehöre– folksy) zugute kommen. Bidens mehr oder minder trockene Reaktion? Was sind das bitte für „kleine“ Unternehmen, die mehr als 250k im Jahr machen?
  • In Bezug auf die von den Republikanern favorisierte private Krankenversicherung, erlaubt sich Biden einen kleinen Spaß: Kosten von je ca. 12.000$ für die Bürger, stünde nur ein von McCain beabsichtigter 5000$-Scheck für eben jene gegenüber. „I call that the bridge to nowhere.“ Smug, but funny.
  • Tonausfall im Mediathek-Stream. Bewundere fasziniert Palin, welche gerade spricht, und ihre immer größer werdenden Augen.
  • Ah, das erklärt’s: Energieversorgung lautet das Thema und Palin spricht von Öl. Die große Mehrheit der Amerikaner wünscht sich, die Energieversorgung zu sichern, indem man innländische Reserven (Alaska eben) anzapft. Talk about Eigennutz.
  • Biden labert davon, dass er schon immer für dieses Oxymoron names „saubere Kohle“ war und auch weiterhin sein wird. Geht sterben.
  • Palin mag sich hinsichtlich des Klimawandels nicht festlegen. Könnte der Mensch für verantwortlich sein oder auch nicht. Aber das sei ja auch unwichtig, es ginge letztlich ja nur darum, Lösungen zu finden.
  • Smiden (smug Biden) hat wieder seinen Auftritt. Natürlich sei der Mensch dafür verantwortlich. Aber überhaupt: wie soll man eine Lösung finden, wenn man die Ursache nicht zweifelsfrei feststelle bzw. sich für diese gar nicht interessiere? Rhetorik rockt, oder? Besonders denn, wenn Biden von jedem dritten zum vierten Satz mit einem „That’s number 1. Number 2 is…“ überleitet…
  • Schlechte Nachrichten für alle Leute, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen und das dingfestmachen wollen. Egal ob Obama oder McCain: You’re fucked. And, sadly, not in the good way. Die gleichen Rechte wie Heteros? Klar, ist kein Problem. Aber sobald das Wort Heirat auftaucht haben beide Parteien ein tiefschwarzes Tuch auf den Augen.
  • Im Irak ist auch alles beim Alten: Palin findet alles blumig, man werde gewinnen und außerdem hätte Obama ja sowieso was gegen die Truppen, weil er gegen die Finanzspritze entschied. Biden wiederholt die Richtigstellung, dass nur dagegen votiert worden sei, weil keinerlei Verbindung zu einem Zeitplan für den Abzug vorhanden gewesen sei. Biden richtet sich an die vermuteten dummen Zuschauer, wiederholt ein ums andere Mal seine Sätze und starrt dabei fest in die Kamer: „We will end this war.“ Na, ob das Joey-Hinterredneck nun auch endlich begriffen hat? Wiederhole es doch nochmal
  • Iran oder Pakistan: Welches Land sei gefährlicher. Biden und Palin im Chor: Beide!
  • Biden meint bezüglich Iran: „There’ve been built 700 Madrasahs along the border. We should help them build schools.“ Ja ne, ist klar. Übersetzt also: „Entlang der Grenze wurden 700 Schulen gebaut. Wir sollten ihnen helfen (stattdessen) Schulen zu bauen.“ Ja, ist klar.
  • Es folgen die üblichen Bekenntnisse zu Israel. Biden spricht in einer Arie auf seine Liebe zu Israel von sich selbst in der dritten Person. So soll das ja immer anfangen, mit der Psychose. Palin wiederholt McCains vollkommen „sinnige“ Erinnerung, man wolle keinen zweiten Holocaust zulassen.
  • Palin lässt zwischendurch noch ein paar Buzzwords nicht ungesagt, wiederholt das Bush-Mantra, die Terroristen würden uns wegen unserer Freiheiten hassen.
  • Zum wiederholten Thema der diplomatischen Beziehungen zu solchen „rogue states“ und ob solcherlei stattfinden sollten, meint Palin das ginge nicht. Im Prinzip: erst wenn unseren Forderungen im Voraus nachgekommen wird, setzen wir uns an einen Tisch. Bonus-Bemerkung: „Diplomacy is hard work by serious people.“
  • Biden erinnert ein ums andere Mal an die Fehler der jüngsten Vergangenheit, woraufhin Palin es mit Konrad hält– was solle die Wähler das Geschwätz von gestern interessieren? In die Zukunft blicken, lautet das Credo. Biden hält’s trocken mit Shakespeare: „Past is prologue.“
  • Kurzer Schwenk zum Thema Bildung. Palin komme aus einem Haus voller Lehrer. Na, gute Nacht.
  • Und die liebliche Frage der Erfahrung und Eignung–
  • Palin: Bin Bürgermeisterin gewesen. Bin Gas- und Ölregulierer gewesen. Bin Mutter und Familienoberhaupt. Reicht doch, oder? Aber nebenbei: America’s the best! Erwähnte ich schon Reagan?
  • Biden: 35 Jahre in diesem Geschäft. ’nuff said. Oder doch nicht: ich bin alleinerziehender Vater gewesen, meine Frau und Tochter starben. So, jetzt genug.
  • Palin: „He’s [McCain] the man that we need to leave… lead.“ Aaaaaaawkwaaaaaaard. McCain ist der Maverick. Punkt.
  • Biden: I know the guy a long time, but: Maverick my ass.
  • Die Abschlußsätze stehen an. Palin darf zuerst.
  • Palin: freut sich, dass sie live und direkt zum Bürger und mit Biden sprechen durfte, denn die Mainstream-Medien verfälschten zuviel (ein Gruß an Couric). Ansonsten bleibt es für sie dabei: Fight for America, the middle-class and our freedoms. Reagan erwähnt sie sicherheitshalber auch noch mal. Vote McCain!
  • Biden: fingerzeigend und direkt in die Kamera schauend, stellt er klar, dass dies die wichtigste Wahl der letzten Jahrzehnte sei. Die Fehler (vor allem) der letzten acht Jahre müssen ausgebessert werden. Dann stimmt er in Obamas Slogan mit ein, die Hoffnung der Bevölkerung müsse erneuert werden. Chaaaange, Baby!
  • Finis
  • PS: Klasse, wie berechnend. Die Tochter Palin kommt mit dem Baby auf die Bühne. Awww, wie süß. Aber ist es nicht ein bisschen spät? Das kleine süße Ding müsste doch bestimmt schon seit ein paar Stunden im Bettchen sein. Was tut man nicht alles, für ein harmonisches und suggestives Bild, tsts.

> Wieder eine Nacht, eine von den viel zu vielen, in der wieder mal der Schlaf nicht kommen will. Und wie schon so oft ziehts dich gegen deinen Willen, in die dunklen Straßen ohne ein bestimmtes Ziel.

Hannes Wader – Wieder eine Nacht

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