nichts im Redeschwall (I)

Schlaflos in Bielefeld. Da kommt Zeitverschiebung und das erste Rededuell im amerikanischen Wahlkampf zwischen– na, ihr wisst schon– doch gerade recht. (K)ein Abriß…

  • Glücklicherweise nur kurzes Vorgeplänkel in der ARD, recht zügig erstrahlt der Feed von PBS. Erster Dämpfer: Simultanübersetzer. Wo ist der zweite Tonkanal? Habe ich einen zweiten Tonkanal? Hastiges Suchen. Glück! Gefunden und so schon viel angenehmer. Mehr als zwei Stimmen gleichzeitig (die gehörte, die innere) müssen ja nun nicht gerade sein.
  • Was dem in politischen Unangelegenheiten geschulten Auge sofort auffällt: Obama trägt eine Flaggen-Anstecknadel, McCain nicht. Schock. Dieser gewitzte alte Hund. Da liegt wieder Flip-Flop im medialen Äther, ich spüre es in den Knochen. Aber gut, denn:
  • Es geht los. Der Moderator hat das Wort. So, beide hin- und dann vorstellen. Wer ihr seid, warum hier heute Abend vor uns sprecht, das ganze Programm eben. Der Jungspund soll anfangen, danach ist der Ältere dran.
  • Obama ruft laut „Guten Abend und Ch-ch-ch-aaaaangeeee! Once more, with feeling.“ Versuch, das Ganze etwas mit Substanz zu unterfüttern.
  • McCain beginnt damit, Senator Edward Kennedy, am Abend in ein Krankenhaus eingeliefert, alles Gute zu wünschen. Das ist edel (ist ja schließlich seine Redezeit, also bitte!) und macht schonmal einen guten Eindruck (gibt außerdem Pluspunkte auf der „Seht ihr? Diese Jugend!“-Skala). McCain teilt mit, dass er sich in letzter Zeit nicht so gut fühle– Obacht! Bloß nicht das eigene Alter selbst ins Gespräch bringen. Aber gut, er fühle sich nur schlecht, wegen der Finanzkrise und dieser schweren Zeiten. Irgendwo setzt sich Palin mit nun gedämpfter Vorfreude wieder auf ihre Sitzgelegenheit. Gefühl ist das Stichwort.
  • Während McCain es geschafft hat, in diesem (zumindest so angedacht) kurzem Exposé die Stichworte „foreign oil“ unterzubringen, achtet Obama wie ein Fuchs darauf, nicht schon jetzt übermäßig cocky zu wirken.
  • Thema Finanzkrise und angedachtes Rettungspaket: Obama meint, da zeige sich nun, was der von den Republikanern immer beschworene unregulierte und freie Markt in bestimmten Bereichen bewirken könne. Obama kriegt Streber-Punkte, er habe ja schon seit über einem Jahr davor gewarnt. McCain meint zur gegenwärtigen Situation und dem Milliardenpaket… keine Ahnung, er rekapituliert nämlich Erlebnisse von Präsident Eisenhower. Frage mich, ob er das irgendwo gelesen/gehört hat oder ob es eine Geschichte aus erster Hand sein soll?
  • Der Moderator fragt, wie man denn nun das System verbessern könne, dass erst zu dieser Krise geführt hat. Mit Details will keiner langweilen. McCain sieht aber das Allerweltsheilmittel darin, einfach alle unnötigen Staatsausgaben zu streichen. Sparkurs, bloß keinen Cent fürs Regieren ausgeben. Und natürlich Steuern senken, um die Wirtschaft wieder zu stärken. Indem man die Konzerne weniger Steuern zahlen lässt, versteht sich. Denn dann wandern jene nicht mehr ins Ausland ab. Obama findet, man solle vielleicht erstmal die meisten Steuerschlupflöcher für jene Konzerne stopfen, sonst bekämen diese Konzerne unter McCain nämlich gleich zweifache Steuerentlastungen. In seinen Augen wäre es dufter, wenn man den Großteil der Bürger entlaste. McCain zeigt sich unbeeindruckt. „Spending restraint!“ lautet für ihn das Mantra die kommenden fünf Minuten.
  • Hin und wieder glaube ich, McCain offscreen schwer atmen zu hören. Bekomme es mit der Angst zu tun und hoffe, dass entweder die Tontechniker die Empfindlichkeit seines Mikros einschränken oder ich aufhöre alten Odem zu hören.
  • Der Moderator hat schon längst das nächste Themengebiet begonnen, aber das stört McCain und sein Mantra nicht. Auf die Frage hin, welche geplanten Programme die Kandidaten denn in Anbetracht der Finanzkrise erstmal ad acta legen müssten, bellt er wiederum ein „goverment spending“ in den Saal. Außerdem solle man vielleicht einmal die Entwicklungshilfe an andere Länder überdenken, an Länder, die „uns ohnehin nicht sonderlich mögen“ und über die womöglich gar noch Terrorismus finanziert würde. Oha, er wird ja nicht ohne Grund „Maverick“ genannt, der Eigenbrötler. Auch wenn er das gerade selbst tut. Nebenbei lässt er es sich nicht nehmen, das Schimpfwort „liberal“ zu gebrauchen. „Senator Obama has the most liberal voting record […]“ — cue card!
  • Thema Irak-Krieg: McCain scheint innerlich zu lächeln, Obama Nervosität zu kaschieren. Fehlt eigentlich nur noch, dass McCain Kriegsnarben vorzeigt, während er das neu-alte Mantra trällert und den Wunsch Vater des Gedanken werden lässt. „We’re winning!“ Ach, und Obama kenne nicht den Unterschied zwischen Taktik und Strategie.
  • Und so weiter. McCain bringt irgendwie, irgendwo noch Reagan unter. Schlagabtausch, was dem Moderator sichtlich Unbehagen bereitet– die schönen Regeln!
  • Die emotionalisierte Kür: McCain erzählt von einem Armreif. Die Mutter eines gefallenen Soldaten gab ihn. Natürlich mit den Worten, der Kurs solle beibehalten und der Sieg am Ende geholt werden. Soll ja nichts umsonst gewesen sein. Auch diese wunderbar abscheuliche Anekdote.
  • Obama hat auch einen Armreif. Von einer Mutter eines weiteren gefallenen Soldaten. Sie sagte, Obama solle dafür sorgen, dass keine andere Mutter mehr das durchmachen muss, was sie durchgemacht habe. Ich würde jetzt am liebsten beiden Kandidaten eins mit der humanisierenden Keule überziehen.
  • Der Moderator lenkt irgendwann das gefühlte Thema auf den Iran. McCain vergisst nicht, Israel alle 2 Sekunden erwähnt zu lassen, die Gefährlichkeit zu beschwören. Vollkommen ernst gibt er von sich: „We can not allow a second holocaust. Let me make that clear.“ Danke, ich war mir zuvor nämlich noch unsicher.
  • Obama stimmt ein, was die Gefährlichkeit eines atomaren Irans angeht, gibt aber unumwunden zu bedenken, dass der unnötige Irakkrieg gerade den Iran in dieser Region um ein vielfaches gestärkt hat. Na, scheint sich warmgeredet zu haben. Immernoch dezente Nervosität, aber zugleich auch endlich ein wenig mehr cocky.
  • Bild- und Tonstörung just dann, als Obama ausführlicher erklärt, warum es nicht verkehrt ist, auch mit solchen Staaten diplomatische Beziehungen zu unterhalten bzw. wenigstens zu verhandeln. Gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker. Noch zwei weitere Bild- und Tonstörungen.
  • Kandidaten werden um Schlußworte gebeten: Obama erzählt vom Vater, vom „alten“ Amerika und den üblichen Träumereien der Glücksverheißung. McCain schafft es, seine Inhaftierung zu erwähnen und Ähnlichkeiten mit Reagan zu implizieren. Warum auch immer.
  • Finis.

Alles
hallt und schwallt und prallt
doch kalt von allem ab
zu Boden.

2 Stimmen

# Lo

Ich habe mir zwar nicht die Nacht um die Ohren geschlagen, aber heute vormittag kam das Duell auch auf ORF2 (oder so ähnlich, keine Ahnung, wieso ich das sehen konnte). Ebenfalls erster Gedanke: Igitt, Übersetzer! Wah! Leider kann ich den Hightech-Fernseh-Bla hier nicht bedienen, zur Aneignung war ich zu müde, also nur eine kurze Verweilzeit im Programm.

Folglich habe ich nur die Armband-Geschichten mitbekommen.. und dachte an Wolfgang-Petri. Bzw dass, wenn die Geschichten stimmen würden, Obama und McCain (ich muss da immer an die Pommes denken) ehrlicherweise als kleine Michelin-Männchen durch die Welt marschieren müssten.

# fym

Was mir überhaupt aufgefallen ist: der Unterschied in der Art von beiden, mit den jeweils anderen umzugehen. Man will ja keine Klischees bedienen, aber es veranschaulichte sehr schön die subjektiv empfundenen Unterschiede zwischen Dems und Reps.

Bei McCain lungerte ständig eine (mal mehr, mal weniger) latente Aggressivität; da wurden fleißig böse Seitenhieb oder Direktangriffe/Behauptungen rausgehauen, die einfach nur garstig wirkten. Agressiv-Anti, so to speak.

Obama kam kein einziges Mal so dermaßen biestig rüber. Soweit ich das gesehen habe, war er auch der einzige von beiden, der zumindest hin und wieder anerkannt hat, dass Teile der Äußerungen seines Kontrahenten nicht sofort zwangsläufig verkehrt seien. Selbst wenn nur eine „Taktik“, er hatte schlicht die bessere Diskussionskultur. Offener, direkter im Umgang. McCain hatte ja schon Probleme damit, Augenkontakt mit Obama aufzunehmen.

Und nebenbei bemerkt, wie knuffig: Obama sprach McCain immer mit Vornamen an, während dieser mit seinem beständigen „Senator Obama“ die Distanz suchte. Kommt einem bekannt vor 😉

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