Von Schafen, Hirten und Weide

Damals wurde zum Boykott aufgerufen, Nutzer wanderten nach eigenen Angaben ab, bildeten ihr eigenes kleines Protestforum: seit fast einem Jahr gibt es auf sueddeutsche.de nun schon die festgelegten Kommentar-Zeiten. Und was ist von diesem propagierten Widerstand, diesem kleinen Aufschrei, der Nutzer geblieben? Tja…

Die derzeitigen Kommatörösen haben sich allen Anschein nach mit der Beschränkung arrangiert. Und warum sollte sie auch nicht? Wenn irgendwo irgendein Schreiberling meint, dass Netz sei ein eigener abgetrennter Lebensbereich, sind sofort einige für die Berichtigung zur Stelle. Nein, das Netz sei keine abgespaltene Erscheinung, es ist einfach Teil des Lebens– inzwischen eben selbstverständlich. Ist es, deshalb muss es nicht verwundern, wenn sich die Herde Schafe nach dem Hirten und seinen Hunden richtet. Man boykottiert ja auch nicht den Supermarkt um die Ecke, weil dessen Verantwortlichen es für nötig halten, die Türen ab 20 Uhr zu verschließen, obwohl man bisweilen Lust hätte, auch um 2 Uhr Nachts noch ein paar Sachen einzukaufen. Man richtet sich eben nach der Vorgabe. Das Netz ist halt im Leben angekommen. Hier aber: die Leute scheinen im Netz-Leben angekommen zu sein, wenn man sich deren unverändertes Verhalten anschaut.

Das Problem an der Sache aber: wofür ist das Netz dann eigentlich gut, wenn sich in ihm nur bekanntes Leben spiegelt? Wo ist der Fortschritt, wo ist der Einfluß? Allerorts höre und lese ich immer von den kaum abzusehenden Möglichkeiten, von der dahinterliegenden treibenden Kraft, vom Versprechen, das Netz erweitere Horizonte, es sei potentiell die am Ende der Nacht aufgehende Sonne. Das stimmt in vielerlei Hinsicht, aber — so scheint es mir — nicht in den Bereichen, auf die es eigentlich ankäme.

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