»Gears« und die drehenden Kreise

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Wenn man technischer Halbinvalide ist und darüber hinaus auch noch faul, dreht man den Kopf höchstens erst dann nach neuen Sachen um, wenn diese schon längst an einem vorbeigerauscht sind. So war das bei mir schon immer. Während der Schulzeit, wenn ich in Mathe irgendein Rechnungs- und Formelgewirr verstanden hatte, nachdem im Unterricht schon das übernächste Themengebiet aktuell waren. Im Internet, als ich HTML sicher anwenden konnte, nun aber schon wieder etwas anderes aktuell war; mit PHP rudimentär angefreundet, während überall Ajax und Co. präsent waren. Kurz: ich war und bin wohl einfach zu langsam für diese Welt. Ist auch gut so. Ja, ich meine, Für Gemächlichkeit! könnte bisweilen als Motto durchaus einen höheren Stellenwert genießen.

Von Gears (Wikipedia) habe ich erst per integriertem Feature in der neuen WordPress-Version etwas mitbekommen. Beim Versuch, mich durch die ganzen Beschreibungen und Programmerklärungen zu lesen, lächelte mich der technische Halbinvalide in mir wieder an. Im Grunde habe ich diese ganze Zahnräder-Sache so verstanden, dass darauf aufbauende Webapplikationen bis zu einem bestimmten Grad auch offline genutzt werden können, weil eine lokale Kopie der hierzu nötigen Daten angelegt und beide, bei bestehender Onlineanbindung, periodisch synchronisiert wird. Was das für zukünftige Projekte alles bedeuten könnte, darüber sollen andere Leute sinnieren, die davon ein tieferes technisches Verständnis haben. Was mir dabei jedoch durch den Kopf geht, ist nur der Eindruck eines Kreises.

In der zwonulligen Buzzword-Welt und mit dem verstärkten Aufkommen von Webanwendungen meinte man, dass sich Software weg von der reinen Desktopanwendung entwickeln werde. Das Netz, nicht alleine der eigene Rechner, als Ort der Ausführung eines Programms. Das Netz als erweiterte und prominente Festplatte, der jeweilige Rechner nur eine variable und austauschbare Schnittstelle hierzu. Mit Methoden wie die von Gears behält man zwar diese Marschrichtung grundsätzlich bei, aber man bezieht trotzdem verstärkt den Desktop, sozusagen, wieder mit ein; das Netz als erweiterte Festplatte und Ausführungsort, die eigene Festplatte aber nun zugleich als Sicherung. Es wirkt auf mich so, als nehme man einen Teil der mobilen Schnittstellen-Philosophie zurück, weil man einsehen muss, dass die Degradierung des jeweiligen Rechners zur reinen Schnittstelle in der Praxis in diesem Umfang nicht bestehen kann.

Das ist der Kreis-Gedanke, in kleiner Form. Mit noch mehr Abstand betrachtet, ergibt sich ein makroskopischer Kreis. Ganz im Sinne von Berners-Lee, der meinte, dass alle mit dem Schlagwort Web 2.0 verbundenen Aspekte propagierter neuer Kommunikationsarten, letztlich nicht neu seien. Vom Nutzer abgegebener Inhalt, der Kommunikationsgedanke, alle seien schließlich schon bestimmende Merkmale des vom ihm konzipierten — wenn man in der Buzzword-Metapher bleibt — Web 1.0 gewesen. Wenn ich nun also vermeine, einen makroskopischen Kreis zu sehen, dann denke ich unweigerlich an die früheren bestimmenden Kommunikationswege im Netz. Der Gedanke, Informationen jeglicher Art online abzurufen, den eigenen Rechner jedoch zum Zwischenspeichern zu nutzen, ist ein ganz alter. Nun eben per Gears wiederentdeckt und erneut umgesetzt. Denn was war und ist beispielsweise im Umgang mit Newsgroups methodisch großartig anders? Entweder man arbeitet damit online oder eben offline. In beiden Fällen ruft man Daten, also die jeweiligen Texte, ab und fügt den Daten neuere hinzu. Ist keine Netzanbindung vorhanden oder soll diese so kurz wie möglich gehalten werden, wird zu bestimmten Zeiten der ganze Datensatz synchronisiert. Same diff, oder?

Je mehr ich darüber nachdenke, umso stärker drängt sich der Eindruck auf, dass letztlich von Punkt A zu Punkt B, zu Punkt C gegangen wird. B ist propagierte Revolution, C ist eine mehr oder minder starke Nachwehe. Und als logische (vermeintliche) Weiterentwicklung landet man beim nächsten Schritt nicht bei Punkt D, sondern bei CA. Zahnräder greifen ineinander, werden durch Bewegung wieder auseinandergerissen, so dass ein neues verzahntes Paar entstehen kann. Aber letzten Endes, nach einer Umdrehung voller neuer Kombinationen, kommt doch wieder bekannte Paarung zum Vorschein, die nun plötzlich als neuer Fortschritt deklariert wird. Sich drehende Kreise eben.

Freitag, 18 Juli 2008

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