»Was ist denn deine Lebensphilosophie?«

Was ist denn deine Lebensphilosophie? fragt er mich langgezogen. Ich stutze, überlege kurz. Wenn du in einem schnellfahrendem Auto sitzt… — beginne ich. Wenn du aus dem Fenster auf die Straße schaust, siehst du in ihrer Mitte eine durchgängige weiße Linie. Die springt mal nach oben oder unten, schlingert häufig und scheint sich dabei in ihrer Begrenzung und in ihrer Geradlinigkeit uneins zu sein. Sage ich und verstumme wieder.

Was soll das denn für ein Lebensmotto sein? fragt er mich leicht verwirrt, als hätte ich ihn absichtlich in der Luft hängen lassen. Ach, ein Motto, einen Leitsatz willst du von mir haben? Soetwas habe ich nicht. Du etwa? schicke ich die Frage neu frankiert zurück. Ja, natürlich!, entgegnet er sofort. Nutze den Tag! Lebe jeden so, als sei er der Letzte. Sowas halt. Und seine Augen schauen fragend in meine. Dann habe ich dir doch schon so gut geantwortet, wie ich nur kann. Oder nicht? schaue ich fragend zurück. Wie „geantwortet“? Du hast nur von Sraßenlinien erzählt. Schön und gut, aber das ist ja wohl kaum ein Lebensmotto, eine Philosophie! meint er. Ich behaupte ja auch nicht, weise zu sein, entgegne ich. Er lehnt sich zurück, lässt wieder Ruhe einkehren, denkt kurz nach und fragt: Was soll das dann mit den Straßenlinien?

Weil ihre Erscheinung davon abhängt, wie schnell der Betrachter ist. Bei ausreichender Geschwindigkeit entsteht etwas Durchgehendes. Hält man an und betrachtet sie, sind es viele einzeln gezogene Linien. Er schaut immernoch ein wenig verwirrt drein. Gut, beginnt er und beugt sich nach vorne, aber was hat das nun genau mit dem Leben zu tun? Nun, jede Linie ist eine Linie. Zugleich aber auch Moment. Deshalb ist es so bedeutend, in welcher Situation sich der– beginne ich, –Betrachter befindet, beendet er den Satz. Aber nimmt man das als gegeben an, wie ergibt sich daraus ein genaues Motto, eine klarumrissene Einstellung? fragt er. Gar nicht, antwortet ich ihm knapp. Daraus ergibt sich gar nichts. Ich sagte doch schon, dass ich nicht behaupte, weise zu sein. Das soll keine Verallgemeinerung sein, kein Modell, kein System. Nur eine Betrachtung ist es. Und wir sitzen zu zweit da und schweigen.

Komisch, deine Betrachtung… — erklingt es einige Minuten später im stillen Raum. Ich habe auch nie behauptet, gut sehen zu können, entgegne ich ihm lächelnd.

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