»Sin City« oder: critische Verkommenheit

Sin City läuft ja gerade und wie immer gehe ich meiner Angewohnheit nach, die entsprechende Seite der englischen Wikipedia aufzurufen und mich mit sinnlosen Informationen vollzustopfen. Da stolpert man aber auch immer über Sachen. Was sich da wieder mal unter dem Punkt Reception für Kommentare und Links finden…

Zum einen eine Geschichte anno 2005 aus dem konservativen Sydney Morning Herald: „Teen’s nose bitten off in row over Sin City

A filmgoer had to have his nose reattached after it was bitten off during a brawl over the merits of Sin City outside a NSW cinema. […] Officers viewed closed-circuit video surveillance footage and had spoken to several witnesses about the fight. […] „There’s been an argument, apparently, over how good the movie was, and then an altercation.“

Sin City, a comic strip adaptation, includes scenes depicting castration, murder, torture, decapitation, rape and misogyny.

One reviewer said the strongest impression it left was of „adrenalin-charged, hyper-kinetic violence“.

Zum anderen — und das passt ja doch recht gut dazu — findet sich dort ein Link zu einem zwei Monate früherem Review im Seattle Post-Intelligencer. Von einem Herren mit Namen William Arnold, der schrieb:

[…] Everything that happens in the movie is a deliberate cliché, the stories have little narrative drive or interest, the dialogue is banal pseudo-Raymond-Chandler drivel and the performances are as shallow and posturing as the goofiest „SNL“ skit.

Rodriguez is arrogantly proud of the way his movie so faithfully bows to the „genius“ of Miller and re-creates his comic-book world with the same kind of religious devotion Gus Van Sant paid to Hitchcock with his frame-for-frame „Psycho“ remake.

But is this a good thing? Does he really consider a case of arrested development like Miller a „genius?“ Is comic-book art some superior aesthetic that deserves such tribute? Aren’t movies already enough like dumb comic books without actually trying to BE one, shot-for-panel?

Selbst wenn man die dezente Voreingenommenheit überliest, attestierte er dem Streifen — wie dem Publikum — evozierten Sadismus und Sexualität zugleich. Er, der Film, versuche die Grenze dargestellter Gewalt auszuweiten, gar schon zu durchbrechen. Danach stellte Arnold sogleich klar, dass er nicht Teil jener christlich-konservativen Gruppen und Verfechter sei, die ständig nach Zensur schreien. Dann schwenkte er ein und kam zügig zum Schluß:

But I do think that a film like this, especially one made by a major director under the flag of artistic integrity, adds something ugly to the air for which critics must hold it accountable.

Sitting through the thing, watching scene after scene in which I was being asked to be entertained by the spectacle of helpless people being tortured, I kept thinking of those clean-cut young American guards at Abu Ghraib. That is exactly the mentality Rodriguez is celebrating here. „Sin City“ is their movie.

Und ich wusste beim Lesen nicht, ob ich zuerst die Augen rollen oder doch lieber lachen sollte. Denn: selbst wenn man bei dem Film die geliebte Moralkeule auspacken und entlang dieser Schiene schreiten möchte — der letzte Absatz bleibt trotzdem ein Hieb mit der fadenscheinigen Moralkeule. Dafür ist Kunst — je nachdem, wie das jeder für sich definiert — immer gut. Das funktioniert jedoch auch nur, wenn man zuvor all die anderen Filme und Werke einzig als „dumm“ hinstellt, deren eventuelle Wirkung somit negiert und der Leser anschließend nicht groß über diesen Kniff nachdenkt.

flickr (CC)

Worüber ich nachdachte: lässt man sich darauf ein und überlegt, wie subtile Beeinflußung funktioniert bzw funktionieren könnte; dann haben wir vielleicht keine Probleme mit über-stilisierten glatten Hochglanz-Verfilmungen. Oder mit ach so brutalen, abscheulichen Comics, die sich nicht so recht mit der von uns selbst stilisierten Welt vertragen wollen. Das Problem liegt dort, wo beide künstliche Welten aufeinander treffen und — ineinanderfließen, harmonisch koexistieren. Dort, wo uns alltägliche und gewohnte Bildern präsentiert werden und wir sie bereitwillig konsumieren. Der ehrgeizige und zielstrebige Ermittler, der nur Gerechtigkeit will. Die Hausfrauen. Die Schlagersänger. Dort, wo sich all unsere dunklen Seiten tarnen, mit hellen Farben.

Montag, 26 Mai 2008

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