Zustände von Gleichheit, Bomberjacke und Kinderwagen

An die Einschulung kann ich mich noch teilweise erinnern. Viel besser an die folgenden vier Jahre. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann ist die Bezeichnung Grundschule — zumindest ihr erster Teil — für all das sehr zutreffend gewählt. Es gab einen Grund. Und über dem kreiste die mehr oder weniger homogene Masse. Denn das sind und waren wir alle. Sicher, es gab Unterschiede, aber letztlich auch keine wirklichen. Alle waren sich in ihrer Gesamtheit gleich, während sie sich veränderten. Das fünften Schuljahr machte mit diesem Trug Schluß. Es ist erster einschneidender Punkt, der einen näher an die Antwort heranführen kann, die Antwort auf die Frage, was eigentlich Veränderung ausmacht: Entfernung. Abstand. Ungedacht und vor allem unausgesprochen Abschied voneinander nehmen.

Wenn man von Veränderung spricht, stellt man zwei Zustände, keine Prozesse, gegenüber und vergleicht. Das muss der Grund sein, warum man Veränderungen erst dann wirklich wahrnimmt. Die einen gingen fortan auf diese Schule, die anderen an jene, Menschen gingen und Menschen kamen an beiden hinzu. Alle, die von einem selbst auf die ein oder andere Art weggingen, sah man in den folgenden Jahren hin und wieder auf der Straße, auf seinem Weg. Sie hatten sich verändert. Vielleicht waren sie auch gerade mitten dabei, sich zu verändern. Bestimmt, aber man konnte ja nur vergleichen. Was bei diesen Gegenüberstellungen von Erinnerungen und gegenwärtigen Bildern auffiel, waren Äußerlichkeiten. Manche hatten nun kurze Haare, trugen auffallende Jacken und legten sich nacheinander Stiefel als Schuhwerk ihrer Wahl zu, um ziellos im Halbschritt marschieren zu können. Man sah, dass sie sich verändert hatten, um sich wieder einander anzugleichen und erneut eine Masse zu bilden. Paradox. Aber jeder möchte schließlich Teil einer Bewegung sein. Teil eines Ganzen. Sie trugen nur offen das nach außen, was andere in sich kehren. Das war damals, einige Jahre nach der Wiedervereinigung, häufig in dieser, meiner Gegend mit anzuschauen. Und was man noch manchmal von denen hörte, die nun gefühlte Masse waren, verstand sich nicht mit dem, was man von ihnen kannte.

Man grüßte sich beim Wiedersehen zuerst noch oft. Das nahm mit der Zeit so ab, wie das Bewusstsein um die Wende. Ein jeder widmete sich schließlich seinem Kreis. Ab und zu hörte man, was dieser und jener frühere Bekannte nun so trieb und man verstand das alles nicht wirklich. Erinnerung und Bild prallten auf Gegenwart und ergaben Chaos. Die Leute waren einem selbst entglitten, man war ihnen entglitten. Man gewöhnte sich daran, so ist das Leben, man ist sich selbst Mittelpunkt. Dann folgte wieder eine Zeit der Entfernung und des Abstandes. Die Schule hinter sich gebracht, wechselte man an einen anderen Ort, nahm unausgesprochen und gedachten Abschied. Man lebt dort einfach weiter.

Jetzt kommt man von Zeit zu Zeit für wenige Tage zurück an den alten Ort. Man geht durch die kleinen Straßen und ertappt sich dabei, dass man doch an diese oder jene Person aus früheren Tagen denkt und sich fragt, was wohl aus ihr geworden ist. Bisweilen erkennt man dann plötzlich, zwischen allen Unbekannten, jemanden aus jener erinnerten Zeit. Jemanden, dessen Haare wieder länger geworden sind. Jemanden, der keine Jacke, sondern ein einfaches T-Shirt trägt und dem Turnschuhe einen ruhigen Gang gestatten, während der Kinderwagen vor sich hergeschoben wird. Hand in Hand kommen sie und er einem so entgegen. Er erkennt einen nicht, aber das ist nicht schlimm. Man freut sich ein wenig für ihn und hofft ehrlich, dass neben diesen veränderten Äußerlichkeiten nun auch ein veränderter Zustand seinen Platz bei ihm gefunden hat. Man hofft und glaubt wieder fester daran, dass es noch viele ehemalige Bekannte gibt, denen ein abgebrochener und neubegonnener Prozess zu neuen Zuständen verholfen hat.

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