»Read between the lines«

„If animal trapped call 410-844-6286.“ — Baltimore, traditional

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Die neue und zugleich letzte Staffel von „The Wire“ hat drüben vor einigen Tagen angefangen. Die Drogenszene Baltimores in der ersten Staffel und übergreifend in allen weiteren Staffeln obligatorischer Gegenstand. Die zweite Staffel mit Schwerpunkt der Auswirkungen politischer Planspiele auf den kleinen Arbeiter und seiner damit verbundenen fortschreitende Entwertung. Die dritte Staffel ein
detailierteres Stück der fehlerhaften und korrupten öffentlichen Institutionen und der Desillusion der Leute, die tatsächlich etwas schaffen, etwas voranbringen wollen. In der vierten Staffel dann das Hauptaugenmerk auf ein marodes Schulsystem, dass letztlich nur Spielball der äußeren Gegebenheiten ist und den zynischen Untertitel der Staffel — „No corner left behind“ — unterstreicht. Und nun zum Abschluss in dieser Staffel ein Blick auf die Medien.

Ich wiederhole mich gerne: „[…] das Beste, was momentan im Bereich Drama auf irgendeinem Fernseher zu finden […]“ sein dürfte. Wenn eine Serie das zugegebenermaßen überstrapazierte Urteil „Ein Roman 1:1 auf Zelluloid gebannt“ verdient hat, dann „The Wire“.

Die Serie widersetzt sich in ihrer Konzeption mehreren Film-/Serienkonventionen. Ein Cold Open/Teaser pro Folge, der völlig dramafrei daherkommt. Keine Cliffhanger. Keine unnötigen Gewaltszenen. Nötige Gewaltszenen. Keine geradezu dem Zuschauer ins Gesicht geschleuderte Expositionen. Stattdessen muss der Zuschauer bis zur letzten Minute aufmerksam bleiben, da alle wichtigen Informationen in den Dialogen versteckt sind. Bedeutsame Fortschritte der Handlung werden dem Zuschauer mitunter auch gar nicht explizit gezeigt, werden nur in den Dialogen erwähnt. Die Charaktere sind keine Abziehbildchen. Und über allem steht die Frage nach Relationen, ein Vergleich vermeintlich grundverschiedener Institutionen, der bei genauerem Hinsehen mehr als nur methodische Übereinstimmungen offenbart.

Neben dem allgegenwärtigen sozialen Kommentar, ist die Serie zusätzlich all das, was das idealisierte Medium eigentlich sein sollte. Sie ist komplex, sie fordert den Zuschauer zum Mitdenken auf, sie bedingt dies ausdrücklich. Es ist keine Serie, von der man eben mal eine Folge sehen und sogleich wieder vergessen kann. Sie ist vielschichtiges Gesamtwerk und zugleich für mich Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren ist, obwohl es verloren ist.

Mittwoch, 9 Januar 2008

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