Einstiegsdroge Suggestion

Hach, wann immer man bei der Onlineausgabe der SZ einen Text von Ramelsberger oder Graff findet, weiß man sofort, worum es sich darin dreht. Internet. Neue Medien. Überwachung. Aber vor allem die liebe Sicherheit. Diffuse Bedrohungsszenarien, auf die Acht zu geben ist und die gerne mittels Totschlagargumenten und Schlagworten in Buchstabenform gepresst werden. Böse und einmal ebenso polemisch wie die Artikel geschrieben sind, könnte man diese selbst als Öffentlichkeitsarbeit für das IM und sein Oberhaupt umschreiben.

So führte Annette Ramelsberger ein Interview mit dem Psychiater Werner Platz. „Neue Dimension der Kinderpornographie. Einstiegsdroge Internet“ prangt groß darüber und wer dabei noch nicht ahnt, in welche Richtung das Interview gelenkt wird, der bekommt es gleich in der Einleitung und der ersten Fragestellung geradezu ins Gesicht geschleudert.

12.000 Menschen in Deutschland stehen im jüngsten Pädophilie-Fall unter Verdacht. Das Internet sei eine Einstiegsdroge für Pädophile, sagt der Psychiater Werner Platz: „Die Bilder werden immer härter“. […]

SZ: Herr Platz, 12000 Verdächtige, wird Pädophilie zur Volkskrankheit?

Einstiegsdroge Internet (sz)

Verdächtige scheint in Frau Ramelsberger Welt mit Tätern gleichgesetzt zu sein. Und man meint, dem Leser diese Ansicht ellipsenhaft feilbieten zu müssen. Die weitere Fragerei steht dem in nichts nach. Es folgt eine weitere, scheinbar obligatorisch gewordene, „Internet böse. Ja oder selbstverständlich ja?“-Frage.

SZ: Seit es das Internet gibt, explodiert die Zahl pädophiler Straftaten. Können diese Menschen ihre Neigung dadurch nur besser ausleben oder verstärkt das Medium die Neigung noch?

Auf die Frage, ob auch Frauen Kinder missbrauchen, antwortet Herr Platz im Übrigen wohlweislich, er hätte in seiner „langen beruflichen Praxis noch keinen solchen Fall“ erlebt. Aber anstatt eventuell bei dieser interpretationsfähigen Kurzantwort — man kann ja etwas sagen, ohne etwas direkt zu sagen — berechtigterweise nachzuhaken, belässt es die Fragestellerin dabei. Man muss sich ja schließlich wieder dem eigentlichen Kern des Interviews zuwenden. Es gibt wahrlich wichtigere Sachen. Stigmatisierung ist ja so eine Sache, die anstrengend genug ist und bei der man voll dabei sein muss.

Im Übrigen öffnet sich bei diesem Interview eine neue Tür der Symbolfoto-Abteilung. Man fragt sich, wen man für dümmer halten sollte: Die Macher oder die Leser, von denen man wohl meint, man müsse ihnen sowas präsentieren. Und sollte man nach all dem Kopfschütteln die Bildunterschrift lesen, findet sich dort sogar ein „im Besitz …] sein sollen“ in Bezug auf all die Verdachtsfälle. Geschickt versteckt, [dieser nicht gerade unwichtige Aspekt. Aber wenigstens da und wenigstens das.

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