Serien, einen hab‘ ich noch…

Es erscheint auf den ersten Blick in gewisser Weise absurd, sich über sich fortsetzende Erzählungen aufzuregen, wenn genau das schon ansatzweise im Titel des Subjekts an- und mitklingt: Serien. Das noch heute und schon früher gescholltene, als kleiner Bruder des Kinofilms abgewunkene, Fernsehen gab schon vor dem Sequel-Wahn in seiner Konzeption den Filmstätten Anreiz und Inspiration dafür. Was im Kleinen läuft und läuft, macht sich gut auf großer Leinwand.

Das Kino nutzt stärker einen Aspekt serienmäßiger Produktionen, der u.a. für Zuschauerzahlen zuträglich ist: Erhöhtes Identifizierungspotential durch… nun, Beständigkeit. Etwas netter formuliert könnte man auch sagen, dass durch mehr zur Verfügung stehender Zeit mehr Handlungsspielraum bleibt, welcher folglich erlaubt, Charakterisierungen vor einem Handlungshintergrund (oder umgekehrt) auszuarbeiten. Kurz: Charaktere anhand der zu erzählenden Geschichte – wieder auch vice versa – für den Zuschauer nahbarer und verständlicher zu machen, für Möglichkeiten der Identifizierung und somit für eine Bindung auf Seiten des Rezipienten zu sorgen. Ein Konzept, an dem ich keinen Anstoß nehme; eher einer der Gründe, weshalb es mich wohl schon immer mehr zu Serien gezogen hat. Eine interessante und enge Verflechtung der Handlungs- mit der Charakterebene, egal auf welchem Teil die Akzentuierung liegt und man hat bei mir schon halb gewonnen, solange es passt.

Nun habe ich in letzter Zeit bei Serien ständig den Eindruck, dass die Handlungsebene zurücktritt und nur noch in den Dienst der Charaktere gestellt wird. Was ansich eine der vielen möglichen Varianten ist, wird bis zum Erbrechen von nahezu allen Serien ungeachtet der Handlung, des Plots, auf die Spitze getrieben. Das nennt sich dann ganz pathetisch Charaktershow. Diese definieren sich aber gerade nicht durch Charakterbeschreibung und -entwicklung, nicht durch handlungsgemäße Struktur und voneinander abhängigen Relationen. Nicht durch eine Verflechtung beider Ebenen. Man wirft einfach einen Brocken voll Plot nach dem nächsten auf seine Protagonisten, um sie und ihre Geschichte am Leben zu erhalten. Die Protagonisten sind nicht mehr den Regeln der Geschichte unterworfen, jeder dort setzbare Abschluss ist keiner. Denn es muss weitergehen. Bis die Charaktere, um deren Geschichte es bisweilen gehen sollte, nur noch Abziehbildchen ihrer selbst sind. Negative, die entgegen aller Vernunft ständig neu angefertig werden und ihrer letztlichen Entwicklung und Entfaltung in ständiger Wiederholung des Hauptteils entbehren müssen, nie den direkten oder offenen Abschluß werden ihr Eigenen nennen können.

Als wären sie dazu verdammt, ihren Weg nur einmal von Anfang bis Ende gehen zu dürfen, um anschließend beliebige Kapitel erneut in wilder Reihenfolge aufführen zu müssen.

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