Medienarschloch

Ignoranten sollten öfter Urlaub machen

fym (22) hat bisher nichts Bedeutsames geschrieben. Trotzdem fordert er, dass Publikum lieber Publikum und Medien bis in alle Ewigkeiten Medien bleiben sollen. In diesem „Libd“-Interview |erklärt er also| antwortet er einfach auf ein paar Fragen.

Libd: Herr fym, was halten Sie von uns, den Medien, und was denken sie über das Publikum selbiger?

fym: Zuerst: Die Medien – schöner Nadelstreifenanzug, übrigens…

Libd: Danke.

fym: Also, ich weiß nicht, wie das ist, Karriere zu machen. Aber, bei Gott, ich weiß zu gut, dass es nur Vorteile haben kann. Muss es einfach. Was wir also brauchen, sind Medienarschlöcher, nicht Journalisten. Nur eben keine, die suggerieren, dass ein jeder ihre Arbeit erledigen könne. Denn das ist natürlich ein Trugschluß. Nicht wirklich, aber es verkleinert den Markt doch ungemein, nicht wahr?

Wäre dem nämlich so, bliebe über kurz oder lang keiner mehr übrig, der wichtige Themen rezipieren könnte. Das Publikum. Klar, oder?

Nun sind aber ein paar aus genau jenem Publikum bisweilen erschöpft und frustriert, so dass die Medienarschlöcher daraufhin als Reaktion bisweilen von einigen Wenigen geistig ausgeblendet werden. Ein unmöglicher Zustand, an dem auch das Publikum vielfach leidet. Manchem Zuschauer/Leser bleibt unbewusst, dass er sich damit bedrohlich von seiner Aufgabe entfernt: Schauen. Sich aufregen. Im öffentlichen Interesse halten.

Libd: Woran liegt dieser Umstand Ihrer Meinung nach?

fym: Weil der Spagat zwischen passivem Konsum und gewollter Ignoranz oft nicht zu schaffen ist. Ich bin davon überzeugt, dass man sich auf Ersteres besinnen muss. Das ist schließlich die dem Konsumenten zugedachte Rolle und die hat er gefälligst auszufüllen.

Libd: Einige Leute ignorieren ja nicht, um ihrer selbst willen, sondern aus Prinzip.

fym: Vor diesen Leuten habe ich natürlich kaum Respekt. Selbstverständlich. Das hehre Ziel von inbrünstiger Ignoranz aufgrund von Reflexion ist längst der gesellschaftlichen Auferlegung, dem Druck des Passiven gewichen. Gut so. Aber noch längst keine vollständige Befreiung aus den Wirrungen dieses Spagates.

Libd: Was würde die Bürger denn Befreien?

fym: Überhaupt nicht mehr nachdenken. Einfach lenken lassen und darauf vertrauen, dass uns unsere zugedachte Rolle schon ein erfülltes und glückliches Leben beschert. Notfalls, wenn es gar nicht mehr anders geht, müssen wir eben zurückstecken. Verzicht muss hin und wieder sein. Auch der auf Individualität, was jedoch durch das persönliche Glück, welches wir – durch das Aufgehen in unserer vorherbestimmten Rolle – erfahren werden, mehr als ausgeglichen werden dürfte.

Libd: Sie selbst — leben sie nach diesem Rollenmuster, dass Sie in Ihrem Buch fordern? Sie bloggen ja zum Beispiel, reflektieren also manchmal, zumindest versuchen Sie es. Beißt sich das nicht?

fym: Äh, welches Buch? Ach, das Buch. Darüber müssen wir an dieser Stelle eigentlich nicht reden, aber da sie es schon freundlicherweise zur Sprache bringen: Nö, das steht in keinerlei Konflikt. Ich bin ja im Prinzip nur verdeckter Ermittler, man spielt auf jeder Seite und schaut dann, welche die praktikabelste und lukrativste für einen selbst ist. Wer hätte es also günstigerweise sonst schreiben sollen? Einer dieser Ignoranten? Ich bitte Sie…

Libd: Aber haben Sie damit den Leuten nicht etwas vorgemacht?

fym: Nö. Nächste Frage, sonst mache ich hier einen Junkersdorf.

Libd: Hm, nungut. Ich muss trotzdem noch eine Frage diesbezüglich stellen: Haben Sie vielleicht falsch gelebt?

fym: Ich habe Sie gewarnt. — Antwort wurde gestrichen —

Libd: In Ihrem Buch halten Sie ein flammendes Plädoyer, dass man Kinder unter drei Jahre nicht mit den Kindern der erwähnten Ignoranten in Berührung kommen lassen sollte oder gar mit deren Eltern. Warum denn nicht?

fym: Wir wissen aus der Forschung, dass die ersten drei Jahre die prägenden sind. Nur wenn Kinder richtig gelenkt werden und möglichst wenigen schädlichen Einflüßen ausgesetzt sind, werden sie später zu dem, was sie werden sollen.

Libd: Und diese Formung des jungen Menschen funktioniert anders nicht?

fym: Vielleicht. Es ist nur schlichtweg nicht die Richtige.

Libd: Aber viele Eltern begrüßen es zum Beispiel, wenn ihre Kinder in Kontakt mit möglichst breitgefächerten Ansichten & Menschen kommen. Müssen die jetzt Gewissensbiße bekommen?

fym: Ja, natürlich! Es ist ja nicht so, dass ich mir das alles völlig verquer aus meinen Fingern sauge. Tatsachen sind eben Tatsachen sind eben Tatsachen sind eben Tats…

Libd: Gut, gut. Ich verstehe. Sagen Sie doch einmal: Wann ist denn der ideale Zeitpunkt, Konsument zu werden?

fym: Zwischen 5 und 67 Jahren. Zeit zum Nachdenken ist danach immernoch genug. Da hört einem dann auch niemand mehr zu. Am wenigsten die Medien, wenn man nicht gerade ein Buch schreibt. Man kann ab diesem Zeitpunkt also ruhig aus Überzeugung ignorieren. So stellt sich dann wenigstens ein gewisses Gleichgewicht ein, es will ja auch niemand mehr mit einem selbst sprechen.

Libd: Nun, ich danke für dieses Gespräch, Herr fym. Und ho…

fym: Ich habe doch zu danken. Jederzeit wieder. Vielleicht im Herbst nächsten Jahres?

Libd: … Wenn sich die Möglichkeit bietet, bestimmt.

fym: Keine Bange, ich sorge schon dafür, Medienarschloch.

Dienstag, 5 September 2006

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