Von meiner misslungenen Integration

Irgendwann schlich sich in den noch einigermaßen jungen Verstand die Ahnung ein, dass in der kälteren Jahreszeit kein fröhlicher, dicker, bärtiger und älterer Mann für die Geschenke unter dem Nadelbaum verantwortlich sein könne. Aus einer fahrigen Ahnung wurde daraufhin die langsam dämmernde Erkenntnis, dass für diese so aufregende Zeit der Rollenspiele und Geschenkwunder zumindest einer der Erziehungsberechtigten verantwortlich sein müsse.

Doch die Leitgeber meiner jungen Jahre ließen sich von diesem Rückschlag nicht entmutigen. Zu ernst nahmen sie ihre Funktion und ihre traditionelle Aufgabe mich zu integrieren. Irgendwo. Irgendwie.

Als es steil auf die 14 zuging, sahen sie eine weitere günstige Gelegenheit: Konfirmation. Das erschien mir etwas abwegig, wusste ich doch zumindest, dass eine Konfirmation im Gegensatz zur bevorstehenden Jugendweihe der Mitschüler irgendetwas explizit kirchliches sein musste. Abwegig, weil ich mich an keinen Zeitpunkt erinnern konnte, an dem sich die Familie auch nur in der Nähe eines Gottesdienstes befunden hätte. Die Integrationsbeauftragten bestanden jedoch trotz aller offensichtlichen Eigen-Dissonanzen darauf. Auch dann noch, als das Wort Konfirmandenunterricht zum ersten Mal fiel und mit Armen (und Beinen) in zwecklosem Widerstand wild argumentiert wurde. So ergab ich mich meinem Schicksal - die Umsetzung des Integrationsauftrages befand sich somit auf einem guten Weg.

Wie ich schnell feststellte, war der Unterricht nicht so sehr Unterricht, als vielmehr Referat. Wenn ich heute etwas gegen Dialektion als rhetorisches Mittel habe, dann entstammt es höchstwahrscheinlich dieser Zeit. "Woher und wie wissen wir, dass es Gott gibt? - Weil es die Natur gibt. Gott ist Natur." In kindlichem Unwissen erhielt ich auf meine Frage, woher wir denn wüssten, dass Gott automatisch mit Natur gleichzusetzen sei, stets die gleiche Un-Antwort: Gott ist Natur. Das Spielchen wiederholte sich mehrere Male und nach unzählbaren Versuchen, beschloß ich mit einem entnervten "Na, wenn das so ist…" die Sache ad acta zu legen. Der erste Teilerfolg des Integrationsauftrags brach völlig naturgemäß sogleich weg. Die Elterneinheiten schienen nach meiner Wiedergabe dieser Begebenheiten ein wenig betrübt und zugleich erleichtert. Ich vermute, betrübt, weil sie wohl selbst die weggebrochenen Teile in Ferne sahen und erleichert, weil sie sich mit einem Teil ihrer Realität in Anbetracht aller Dissonanz wieder versöhnen konnten. Zieh es einfach durch, so ihr verzweifelter Rat.

Ich zog es durch, verlor dabei aber manchen Glauben. Vor allem den am gesunden Menschenverstand des Referierenden. Die Konfirmation kam und ging und trotz misslungener Integration in den Schäfchenbestand wurde sie mit ein, zwei Schenkungen belohnt. Verrückt, das alles.

Schulisch gab es einen weiteren Integrationsversuch in Form von Religionsunterricht. Dieses Gastspiel war von einjähriger Dauer und von ebenso durchschlagenden Erfolg gekrönt, wie das kirchliche Erwachsenwerden zuvor. Die im Anschluß stattfindende Teilnahme an Ethik-Stunden war meinem Gemüt genehmer, auch wenn damit die Beendigung jeglicher Integrationsversuche einherging. Schließlich ging es dort auch um Glaubenssysteme. Verschiedene! Ich vermute, dass alle Integrationsbeauftragten mich zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben und fallengelassen hatten. Als wirklich schlimm empfand ich das nicht. Mir ging es gut. Ich glaubte, was ich glauben wollte - oder auch nicht; sprach, mit wem ich sprechen wollte; sah, was ich sah; dachte, was immer mir in den Sinn kam; fühlte mich unter keiner anderen Leitung als der elterlichen und lebte vor mich hin.

Inzwischen ist mein Platz hier und jetzt. Meine innere Zugehörigkeit ist keine staatliche oder kulturelle. Sie ist diffus, uneindeutig und ungebunden - sie ist hier und jetzt. Mir gefällt es so, ein Korsett ist vielleicht schön anzuschauen, schnürrt aber doch ein. Ich kenne genug Leute ohne religiöses Fundament, ich kenne einige mit einer solchen Basis. Wenn sie von ihrem Gott oder Allah reden, höre ich ihnen zu, entgegne vielleicht etwas oder frage nach— erzähle vielleicht auch, was meine eigenen Eckpfeiler sind, so sie es denn erfahren möchten. Und ich finde es interessant, wenn sie davon erzählen, wie sie aufgewachsen sind - dort in anderen und doch gleicheren Spharen. Wenn sie sich aufregen, fallen sie hin und wieder ins Polnische, ins Tschechische oder ins Türkische und ich muss sie aus meinem Inneren heraus fast zwanghaft bitten, es für mich zu wiederholen, damit ich mich daran versuchen kann. Mich fasziniert anderes, vielleicht inspiriert es mich auch. Ich versuche mir dann diese Sprachausrisse wiederholend zu merken, was mir dank schlechtem Gedächtnis freilich nur selten gelingt. Was nicht weiter tragisch ist, denn es gibt noch genug Gelegenheiten, es gibt genug vom Anderen. In dieser Umgebung werde ich nach all den Jahren zum Gläubigen. Ich verfalle dem tiefen Glauben in die Menschen.

Vor kurzem erfuhr ich, dass meine misslungene systemimmanente Integration mich zu disqualifizieren scheint.

'Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.' Wer das nicht akzeptiere, 'der ist bei uns fehl am Platz'.

Angela Merkel. Seehofer und Merkel befeuern Leitkultur-Debatte (SpOn)

Da mein Menschenbild und das meiner Umgebung ein anderes, ein allumfassenderes zu sein scheint, muss also nicht nur ich innerhalb der gezogenen imaginären Grenzen fehl am Platz sei. Das beruhigt mich. Denn beim Gedanken daran, sich einer solchen äußeren Fehl-Leitkultur auch noch zugehörig zu fühlen— Ach, du Gott…

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# Leau

:)

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