Was wäre wenn: digitale Textgenese

Digital. Digital.
Seit einigen Tagen will mir dabei ein Gedanke nicht aus dem Kopf gehen: Textproduktion und Textgenese.

Der wirre Gang im Kopf gestaltet sich dabei wie folgt: in der Editionswissenschaft sammelt man von einem Werk jeden Fetzen, jede Handschrift, einfach jeden Textträger den man in die Finger bekommen kann. Bei dem Versuch die Entstehungsgeschichte eines Textes zu rekonstruieren, ist das schließlich ziemlich wichtig, klar. Lässt man einmal dabei editorische Tätigkeiten der Herausgeber oder des Verlags außen vor und konzentriert sich nur auf diese Geschichte in Hinblick auf den Autor, dann würden zahlreiche handschriftliche Fassungen des Werkes den Idealfall für die Forschung darstellen. Ideal wären sie aber nur deshalb, weil solche Autoren-Handschriften in Anbetracht der Umstände das bestmögliche an Einblick gewähren können. Denn sie sind doch, egal ob vollendet oder nicht, nur Sprünge und Etapen. Nicht einmal als wortwörtliche Momentaufnahmen können sie gelten, fasst man den Begriff des Moments nicht weit genug. Der Schreibprozess ansich ist auch mit ihrer Hilfe nur rekonstruier-, jedoch nicht explizit verfolgbar.

Nun ist das Digitale in der Textproduktion im Prinzip kaum mehr wegzudenken. Der PC bzw. der Laptop ist mehrheitlich schon längst neues Papier und neuer Stift. Im digitalen Raum entsteht das, was später unter anderem in bekannt-geliebter analoger Form vorliegt. An den Rahmenbedingungen hat das allerdings wenig geändert. Abgespeichert werden weiterhin Etapen und vor allem das "Fazit". Wäre es nicht viel interessanter, könnte man den Werdegang, die Entwicklung der Zeichen, der Worte, verfolgen? Warum keine Textverarbeitung; oder besser: warum kein Format, dass, neben dem Endergebnis, zusätzlich den Schreibprozess aufzeigen und begehbar machen kann?

Nach einer Autorenintention zu fahnden, ist in den meisten LiWi-Kreisen geradezu verpöhnt. Es zählt, was am Ende steht. Der Text soll Gegenstand sein, alles andere ist sicherlich nicht unwichtig, hat aber dahinter zu stehen. Nagut, zu verstehen und daher geschenkt. Darum würde es aber auch nicht wirklich gehen. Es ginge nicht primär um Absicht, Wunsch oder Bestrebung des Schreibenden. Es wäre vielmehr ein geradezu intimer Blick hinter die Kulissen. Beobachten, wie das Fundament des Hauses gelegt wird, wie Stein auf Stein gelegt wird, nur um möglicherweise nach x Reihen einen derer aus der Mauer zu schlagen und durch einen anderen zu ersetzen. Ich fände das unheimlich reizvoll. Stelle mir gerne vor, wie eine solch hypothetische Aufzeichnung bei den Klassikern und Co. aussehen könnte. Welche Einblicke man gewinnen würde. Aber da liegt vermutlich auch gleichzeitig das Kreuz begraben. Dass das Endprodukt Mittelpunkt in den Betrachtungen sein soll, kommt ja nicht von ungefähr. Es würde wohl nicht jedem gefallen, was so an die Oberfläche gespühlt werden würde.

Ich glaube es war Chaplin, der einmal mit Blick auf seine Filme meinte, dass Dinge wie ein Making-Of -- überhaupt zu viele Hintergrundinformationen und -aufnahmen der Produktion -- den Zauber des Films, den Seheindruck und das Sehempfinden, nachträglichen für den Zuschauer ab- oder vielmehr entwerten würden.

Reizvoll wäre es trotz allem.

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# ben_

Grandios! Grandiose Idee! Das sollte man mal versuchsweise machen! Wenn ich jetzt bloß Schriftsteller wär.

# fym

Das wäre was, ja. Leider bleibt es wohl nur Wunsch.

Und Schriftsteller sein? Wir schreiben doch alle noch unser Buch… so ähnlich geht das Mantra doch, oder? Zur Not würde ich mich ja mit diesem Blog begnügen und mir selbst einreden, dass ich schon längst Schriftsteller bin. Ja, Illusion muss gekonnt sein ;)

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