Geistiges Einerlei [1]

Vor zwei Wochen: Ich hatte gerade eine Vorlesung zur römischen Kultur1 hinter mir, setzte mich - wieder in den eigenen vier Wänden angekommen - vor den Feedreader und las auf netzwertig.com den Artikel "Urheberrecht: Es gibt kein 'geistiges Eigentum'". Schon war es zu spät und der Artikel zum sprichwörtlichen Tropfen degradiert.

Falsche Freunde in der Kulturbetrachtung sind die besten F-Freunde.

Im netzwertig-Artikel steht nun nichts Neues; nichts, was zumindest dem teilreflektierenden Leser in Hinblick auf diese Thematik neu scheint. Zumal Marcel Weiss, der Autor, schon mit einer steil-verabsolutierten These - dass das Urheberrecht eingeführt worden sei, um einen Anreiz zur Erzeugung von Werken zu schaffen - einsteigt. Aber das ist für den gefühlten, sozio-kulturellen Gedankengang, wie der Artikel im Ganzen, im Prinzip nebensächlich. Ich schrieb es ja: nur der Tropfen.

In der Vorlesung galt jedenfalls das Hauptaugenmerk den kulturellen Einflüßen der Etrusker auf Rom. Und wie das in der Kulturgeschichte immer ist, ist schon dieser Ausspruch kein Fixpunkt, kein allein zu betrachtender Umstand. Es gibt keinen definitiven Anfangs- und erst recht keinen definitiven Endpunkt bei allen kulturellen Betrachtungen. Der Mensch und seine Kultur ist - um es mit Thomas Mann zu schreiben - letztlich ein tiefer Brunnen; tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Wenn man also in jener Vorlesung davon sprach, dass die Römer beispielsweise architektonische Charakteristika der Etrusker übernahmen, so ist dies natürlich erzwungenermaßen stark eingeenget, eng umrißen. Denn die Etrusker haben ihre Architektur auch nicht aus der Luft gegriffen; sie war selbst schon eine weitergeführte Konvergenz anderer Kulturen. Wenn es heißt, die Römer haben die etruskische Schrift assimiliert, dann ist es auch damit nicht getan. Die etruskische Schrift entstammt selbst einer frühen griechischen Schrift, die wiederum - das sollte bekannt sein - auf die Phönizer zurückgeht und und - und. Je tiefer man im Bestreben nach festem Grund an einer Oberfläche kratzt, umso mehr Oberfläche tritt unweigerlich hervor. Zahllose Verzweigungen, Verästelungen, über die man am Ende doch genauso gut mit dem Finger wischen könnte, ohne ihren nachstehenden Gehalt zu verfälschen. Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. So geht das.

Wenn man versucht, sich diesen schier endlosen Brunnenschacht vor Augen zu führen, dann erscheinen unsere momentanen Schwierigkeiten mit diesen nach Schutzprivilegien krächzenden Menschen; der Mentalität, für die sie vollumwunden ein- und ausstehen, ziemlich belächelnswert. Wir nennen ihre behüteten Produkte schützenswert; es scheint dem Gewohnheitstier völlig normal, ihre Verfügbarkeit und ihren Einfluß einzuengen. Das gehört sich eben so!

Überträgt man die in diesem Teilaspekt unserer Gesellschaft vorhandenen Konventionen jedoch spaßeshalber auf einen größeren, den weiteren kulturellen Kreis, so offenbaren sie in der (natürlich!) unfairen Gleichsetzung ihr absurdes Antlitz.

Die Römer wollen etruskische Schriftzeichen übernehmen? "Schaut schöner aus, ist außerdem leichter zu schreiben" denken die sich und schwups, schon ließen die Etrusker ihre Anwälte von der Leine: "Urheberrecht, meine Herren - diese Schrift wurde von uns erdacht [die Anwälte werden ob dieser offensichtlichen Lüge kurzzeitig rot] und Eure Verwendung greift unser geistiges Eigentum an." Zack. Massenhafte Abmahnungen nebst Schadensersatzforderungen wären die Folge. Das Römische Reich wird dank horrender Anwaltsgebühren erst in den finanziellen, anschließend in den vollständigen und vorgezogenen Untergang getrieben.

Die etruskischen Anwälte bestaunen römische Abwasserleitungen. Anschließend stellen sie die Oberen vor die juristische Wahl: Entweder demontiert ihr das Zeug wieder oder wir bekommen pro Kopf und pro Nutzung ein kleines, ein wirklich geringes, Nutzungsentgelt. Als aktueller Patentinhaber wäre das so gerechte Recht auf ihrer rechten Seite. Und Rom würde stinken, wie es bisher nie gestunken hat.

Ja, ich könnte das den ganzen Tag zur Belustigung machen. Es ist falsch. Es ist falscher Freund. Aber doch so unterhaltsam - und vielleicht entlang des gedanklichen Weges ein bisschen, ein klitzekleines bisschen erhellend.

  1. 1Oder mit vollständigem, mit lieblich-kurz klingendem, Titel: Rom als Kulturzentrum: Antike Multikulturalität, Interkulturalität, Transkulturalität und römische Kulturpropaganda in ihrer Bedeutung für den europäischen Kulturraum. (Man muss LiWi'ler mögen, nicht?)

~ Am 20.11.2009 ~ Schublade(n) Außendinge.

~ Teaserbild von Marco Crocoli (cc)

~ Lexikon: Etrusker; Falscher Freund; Geistiges Eigentum; Kultur; Kulturgeschichte; Rom; Urheberrecht

ben_
21.11.09

"Rom als Kulturzentrum: Antike Multikulturalität, Interkulturalität, Transkulturalität und römische Kulturpropaganda in ihrer Bedeutung für den europäischen Kulturraum." … ich bin – als Lililer – neidisch ohne Boden.

Das Aufmacherbild ist perfekt! Perfekt!

Zum Inhalt: Es nimmt stets ein böses Ende, wenn man in diesen Tagen die Gedanken in die Antik lenkt und versucht von dort einzuschätzen, was wir hier treiben. Ein böses Ende für den Denkenden. Denn wenig Gutes läßt sich über unsere Gegenwart und v.a. ihre Analysten sagen.

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